UX im echten Leben

Warum Supermärkte oft besseres UX machen als viele Apps

Wenn du wirklich verstehen willst, wie gutes UX-Design funktioniert, brauchst du kein neues Tool, kein neues Framework und kein weiteres UX-Buch.

Du brauchst einen Einkaufswagen.

Denn Supermärkte sind seit Jahrzehnten stille UX-Meister.

Sie führen täglich Millionen Menschen durch hochkomplexe Entscheidungsprozesse – schnell, effizient und meist ohne Frustration.

Und das Erstaunliche:
Sie tun das ganz ohne Onboarding-Tutorials, Tooltips oder Cookie-Banner.

Was also können wir als UX-Designer von Aldi, Rewe, IKEA & Co. lernen?

Digitalagentur | Expertin für UX | Marta
Marta Del Re  |  27.1.2026
Frau im Supermarkt prüft Paprika mit Smartphone, Einkaufswagen mit Obst und Gemüse.

Navigation ohne Anleitung: Du weißt sofort, was zu tun ist

Du betrittst einen Supermarkt und dein Gehirn schaltet automatisch in den „Shopping-Modus“:

  • Du greifst dir einen Einkaufswagen oder Korb

  • Du gehst intuitiv nach rechts oder geradeaus

  • Du weißt, wo frische Lebensmittel sind

  • Du weißt, wo die Kassen sein werden

Niemand erklärt dir das.
Niemand sagt dir: „Hier starten.“
Und trotzdem machen es fast alle gleich.

Warum?

Weil Supermärkte auf mentale Modelle optimiert sind.

Sie entsprechen exakt dem, was Menschen erwarten.

  • Eingang → Frischeabteilung

  • Mitte → haltbare Waren

  • Ende → Kassen

UX-Learning:

Gutes UX fühlt sich nicht innovativ an. Es fühlt sich vertraut an.

Progressive Disclosure in Regalform

Stell dich vor ein Joghurtregal.

Du siehst nicht zuerst 200 einzelne Produkte. Du siehst erst:

  • „Joghurt“

  • dann: Natur, Frucht, Vegan, Skyr

  • dann: Marken

  • dann: Sorten

Dein Gehirn arbeitet sich von grob zu fein vor.

Das ist genau das, was wir im Digitalen „Progressive Disclosure“ nennen.

Viele Apps machen das Gegenteil:

  • Alles auf einmal

  • Alle Filter sichtbar

  • Alle Optionen offen

Ergebnis: Entscheidungslähmung.

UX-Learning:

Komplexität ist kein Feature. Sie ist ein Designfehler.

Visuelle Hierarchie, die brutal ehrlich ist

Supermärkte sind gnadenlos ehrlich in ihrer visuellen Hierarchie:

  1. Teure Marken auf Augenhöhe

  2. Billigprodukte ganz unten

  3. Aktionsware auf Endkappen

  4. Kinderprodukte auf Kinderhöhe

Manipulativ? Ja.

Aber auch UX-technisch exzellent.

Sie nutzen:

  • Größenunterschiede

  • Farbkontraste

  • Platzierung

  • Abstände

um Aufmerksamkeit gezielt zu lenken.

Vergleich das mit Interfaces, in denen:

  • jeder Button gleich aussieht

  • jede Karte gleich groß ist

  • alles schreit: „Klick mich!“

UX-Learning:

Wenn alles gleich wichtig aussieht, ist nichts wichtig.

Feedback, das man sehen, hören und fühlen kann

Du legst ein Produkt in den Wagen.

Du:

  • hörst ein Klonk

  • siehst es liegen

  • spürst das zusätzliche Gewicht

Das ist perfektes, unmissverständliches Feedback.

Vergleich das mit:

  • Buttons ohne Ladeindikator

  • Formularen ohne Erfolgsmeldung

  • stillen Fehlversuchen („Ist jetzt was passiert?“)

Supermärkte geben dir in jeder Mikro-Interaktion sofortige Rückmeldung.

UX-Learning:

Feedback ist keine Kür. Es ist Pflicht.

Fehlervermeidung statt Fehlermeldungen

Im Supermarkt wirst du selten „Fehlermeldungen“ erleben.

Warum?

Weil Fehler architektonisch verhindert werden:

  • Einbahn-Gänge lenken den Flow

  • Kassen stehen immer am Ausgang

  • Zerbrechliches steht nicht auf Greifhöhe von Kindern

  • Alkohol steht oft außer Reichweite von Jugendlichen

Das ist Error Prevention – eine der wichtigsten UX-Heuristiken.

Digitale Produkte hingegen:

  • lassen Nutzer alles falsch machen

  • und schimpfen sie danach aus

UX-Learning:

Das beste Error-Message-Design ist das, das man nie braucht.

Warteschlangen-UX auf Weltklasse-Niveau

Supermärkte haben Warten perfektioniert:

  • klare Schlangenführung

  • visuelle Orientierung

  • Impulsprodukte

  • manchmal sogar Displays mit Wartezeit

Und vor allem:

Du siehst immer, wie viele Leute vor dir sind.

Vergleich das mit:

  • Ladebildschirmen ohne Prozentanzeige

  • rotierenden Spinners

  • „Bitte warten …“ ohne Ende

UX-Learning:

Unsicherheit fühlt sich länger an als Warten.

Vertrauen durch Vorhersehbarkeit

Du bist in einer fremden Stadt.

Du gehst in einen Supermarkt einer dir unbekannten Kette.

Und trotzdem:

Du findest dich sofort zurecht.

Warum?

Weil Supermärkte extrem konsistent sind:

  • gleiche Logik

  • ähnliche Wege

  • ähnliche Zonen

  • ähnliche Symbole

Das ist kein Zufall. Das ist Design.

UX-Learning:

Konsistenz schlägt Kreativität. Immer.

Keine Dark Patterns nötig – und trotzdem Umsatz

Supermärkte zwingen dich nicht:

  • ein Abo abzuschließen

  • ein Pop-up wegzuklicken

  • 3 Extras zu bestätigen

Und trotzdem kaufen Menschen mehr als geplant.

Warum?

Weil:

  • der Flow stimmt

  • die Reibung minimal ist

  • Vertrauen aufgebaut wird

UX-Learning:

Gutes UX verkauft. Schlechte UX drängt.

Der Supermarkt als perfekter User Flow

Der gesamte Einkauf ist ein einziger sauberer Flow:

  1. Einstieg

  2. Orientierung

  3. Exploration

  4. Entscheidung

  5. Abschluss

  6. Bestätigung (Beleg)

  7. Exit

Kein Bruch. Keine Sackgasse. Kein „Zurück zur Startseite“.

UX-Learning:

Denk in End-to-End-Flows, nicht in Screens.

UX-Designer sollten öfter einkaufen gehen

Supermärkte zeigen uns:

  • UX ist kein Dribbble-Shot

  • UX ist kein UI-Trend

  • UX ist Verhaltenspsychologie in Raumform

Oder anders gesagt:

Gutes UX ist unsichtbar. Genau wie gute Architektur.

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