UX im echten Leben
Warum Supermärkte oft besseres UX machen als viele Apps
Wenn du wirklich verstehen willst, wie gutes UX-Design funktioniert, brauchst du kein neues Tool, kein neues Framework und kein weiteres UX-Buch.
Du brauchst einen Einkaufswagen.
Denn Supermärkte sind seit Jahrzehnten stille UX-Meister.
Sie führen täglich Millionen Menschen durch hochkomplexe Entscheidungsprozesse – schnell, effizient und meist ohne Frustration.
Und das Erstaunliche:
Sie tun das ganz ohne Onboarding-Tutorials, Tooltips oder Cookie-Banner.
Was also können wir als UX-Designer von Aldi, Rewe, IKEA & Co. lernen?
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Navigation ohne Anleitung: Du weißt sofort, was zu tun ist
Du betrittst einen Supermarkt und dein Gehirn schaltet automatisch in den „Shopping-Modus“:
Du greifst dir einen Einkaufswagen oder Korb
Du gehst intuitiv nach rechts oder geradeaus
Du weißt, wo frische Lebensmittel sind
Du weißt, wo die Kassen sein werden
Niemand erklärt dir das.
Niemand sagt dir: „Hier starten.“
Und trotzdem machen es fast alle gleich.
Warum?
Weil Supermärkte auf mentale Modelle optimiert sind.
Sie entsprechen exakt dem, was Menschen erwarten.
Eingang → Frischeabteilung
Mitte → haltbare Waren
Ende → Kassen
UX-Learning:
Gutes UX fühlt sich nicht innovativ an. Es fühlt sich vertraut an.
Progressive Disclosure in Regalform
Stell dich vor ein Joghurtregal.
Du siehst nicht zuerst 200 einzelne Produkte. Du siehst erst:
„Joghurt“
dann: Natur, Frucht, Vegan, Skyr
dann: Marken
dann: Sorten
Dein Gehirn arbeitet sich von grob zu fein vor.
Das ist genau das, was wir im Digitalen „Progressive Disclosure“ nennen.
Viele Apps machen das Gegenteil:
Alles auf einmal
Alle Filter sichtbar
Alle Optionen offen
Ergebnis: Entscheidungslähmung.
UX-Learning:
Komplexität ist kein Feature. Sie ist ein Designfehler.
Visuelle Hierarchie, die brutal ehrlich ist
Supermärkte sind gnadenlos ehrlich in ihrer visuellen Hierarchie:
Teure Marken auf Augenhöhe
Billigprodukte ganz unten
Aktionsware auf Endkappen
Kinderprodukte auf Kinderhöhe
Manipulativ? Ja.
Aber auch UX-technisch exzellent.
Sie nutzen:
Größenunterschiede
Farbkontraste
Platzierung
Abstände
um Aufmerksamkeit gezielt zu lenken.
Vergleich das mit Interfaces, in denen:
jeder Button gleich aussieht
jede Karte gleich groß ist
alles schreit: „Klick mich!“
UX-Learning:
Wenn alles gleich wichtig aussieht, ist nichts wichtig.
Feedback, das man sehen, hören und fühlen kann
Du legst ein Produkt in den Wagen.
Du:
hörst ein Klonk
siehst es liegen
spürst das zusätzliche Gewicht
Das ist perfektes, unmissverständliches Feedback.
Vergleich das mit:
Buttons ohne Ladeindikator
Formularen ohne Erfolgsmeldung
stillen Fehlversuchen („Ist jetzt was passiert?“)
Supermärkte geben dir in jeder Mikro-Interaktion sofortige Rückmeldung.
UX-Learning:
Feedback ist keine Kür. Es ist Pflicht.
Fehlervermeidung statt Fehlermeldungen
Im Supermarkt wirst du selten „Fehlermeldungen“ erleben.
Warum?
Weil Fehler architektonisch verhindert werden:
Einbahn-Gänge lenken den Flow
Kassen stehen immer am Ausgang
Zerbrechliches steht nicht auf Greifhöhe von Kindern
Alkohol steht oft außer Reichweite von Jugendlichen
Das ist Error Prevention – eine der wichtigsten UX-Heuristiken.
Digitale Produkte hingegen:
lassen Nutzer alles falsch machen
und schimpfen sie danach aus
UX-Learning:
Das beste Error-Message-Design ist das, das man nie braucht.
Warteschlangen-UX auf Weltklasse-Niveau
Supermärkte haben Warten perfektioniert:
klare Schlangenführung
visuelle Orientierung
Impulsprodukte
manchmal sogar Displays mit Wartezeit
Und vor allem:
Du siehst immer, wie viele Leute vor dir sind.
Vergleich das mit:
Ladebildschirmen ohne Prozentanzeige
rotierenden Spinners
„Bitte warten …“ ohne Ende
UX-Learning:
Unsicherheit fühlt sich länger an als Warten.
Vertrauen durch Vorhersehbarkeit
Du bist in einer fremden Stadt.
Du gehst in einen Supermarkt einer dir unbekannten Kette.
Und trotzdem:
Du findest dich sofort zurecht.
Warum?
Weil Supermärkte extrem konsistent sind:
gleiche Logik
ähnliche Wege
ähnliche Zonen
ähnliche Symbole
Das ist kein Zufall. Das ist Design.
UX-Learning:
Konsistenz schlägt Kreativität. Immer.
Keine Dark Patterns nötig – und trotzdem Umsatz
Supermärkte zwingen dich nicht:
ein Abo abzuschließen
ein Pop-up wegzuklicken
3 Extras zu bestätigen
Und trotzdem kaufen Menschen mehr als geplant.
Warum?
Weil:
der Flow stimmt
die Reibung minimal ist
Vertrauen aufgebaut wird
UX-Learning:
Gutes UX verkauft. Schlechte UX drängt.
Der Supermarkt als perfekter User Flow
Der gesamte Einkauf ist ein einziger sauberer Flow:
Einstieg
Orientierung
Exploration
Entscheidung
Abschluss
Bestätigung (Beleg)
Exit
Kein Bruch. Keine Sackgasse. Kein „Zurück zur Startseite“.
UX-Learning:
Denk in End-to-End-Flows, nicht in Screens.
UX-Designer sollten öfter einkaufen gehen
Supermärkte zeigen uns:
UX ist kein Dribbble-Shot
UX ist kein UI-Trend
UX ist Verhaltenspsychologie in Raumform
Oder anders gesagt:
Gutes UX ist unsichtbar. Genau wie gute Architektur.